Welch schöner Tag! Ein Himmel, so blau und kalt wie ihn nur ein Wintermorgen zustande bringen könnte begrüßte mich heute. Die tief stehende Sonne machte mich blinzeln, zuwenig Kraft, um meinen Körper zu erwärmen und doch so stark, dass mich das Licht in tiefster Seele zu berühren vermochte. Es sind Tage wie diese, die Wien so wunderbar und unwiderstehlich schön erscheinen lassen, die es mir ermöglichen, all den Schmerz und das Leid, das mir aus den Gesichtern der mich umgebenden Menschen entgegenschreit zu ignorieren und die selbst die Schreie in meinem Inneren besänftigen. Die schönen alten Gebäude, alle in ein sonderbar kaltes Licht getaucht lassen mich an andere Zeiten denken, verleiten mich, an ein längst vergangenes Österreich zu denken. So fern mir romantisierende und idealisierende Überlegungen auch fern sind, so kann ich nicht umhin, mir eine Stadt ohne Automobile und ohne Leuchtreklamen als schön vorzustellen. Damals, damals war es vielleicht möglich, durch die Straßen zu gehen, unbekümmert von allem um sich, sich nur auf die architektonische Schönheit der Gebäude zu konzenrieren, sich vom Wetter berühren zu lassen. Und in solchen Situationen, so meine ich, wäre es wohl nicht undenkbar, wenn einem der eine oder andere Vers in den Sinn kommt, vielleicht gar ein Gedicht. Doch heute zu dichten, das ist schwer. Zumindest das Dichten, dass es sich zum Ziel genommen hat, das Schöne darzustellen, erscheint mir kaum mehr möglich. Immer schwingt ein gewisser ablehnender Grundton mit, sei es nun gegen die Gesellschaft im allgemeinen oder einzelne Gruppen. So war es mir heute unmöglich, meine Gedanken angesichts des strahlend blauen, aber winterlich kalten Himmel in Versform zu bringen, ohne abermals irgendetwas Menschliches, irgendwelche Probleme zu erwähnen - Was das Gedicht beschmutzt hätte, wodurch es der überwältigenden Schönheit und Erhabenheit der Natur nicht mehr gerecht hätte werden können. Auch daran lässt sich, wie an so vielen DIngen, der langsame aber stetige Zerfall unserer Zivilisation erkennen, alles zerbricht, alles zerfällt, wird fragmentiert, alles stirbt langsam vor sich hin, sei es nun die Kunst, die Sprache oder schlicht und einfach jeder einzelne Mensch...
bleah, whatever.
Kunstloses Brot - 11. Dez, 19:21
ein Hoch auf die Alliteration
Jonathan Swift hat in seinem Traktat "A Modest Proposal" vorgeschlagen, alle armen irischen Kinder an reiche englische Bürger zu verkaufen. Die armen Eltern hätten somit eine gute Einnahmequelle (und vor allem regelmäßig: alle neun Monate!) und die Reichen hätten auch was davon: Babies sollen sehr zartes Fleisch abgeben. War natürlich nicht gaaanz ernst gemeint, er war selbst Ire und wollte damit auf die beschissenen Verhältnisse in Irland hinweisen. Zu Swifts Zeit wurde Irland ziemlich ausgebeutet, war sozusagen Großbritanniens erste Kolonie.
Aber das Ganze erinnert mich ziemlich an diesen Traum (okay..Drogenphantasie) den ich mal hatte, als mir vorschwebte, extrem dicke Kinder zu züchten und diese als Sitzgelegenheiten zu verwenden. Ist ja noch geradezu human dagegen! Ich dachte mir, man könnte die dicken Kinder ja am Leben erhalten, so mit Schläuchen voller Fett, Zucker und Bier. Und die passen sich dann im Gegenzug perfekt meinem Körper an.
Aber da das Ganze (noch!) nicht möglich ist, hatte ich jetzt die Idee, eine Dicke-Kinder-Galerie zu eröffnen. Also Fotos von überfressenen Kindern machen und die ins Internet stellen. Ich meine, werde ich wahrscheinlich nicht machen, aber wäre schon interessant - ich stelle mir ein wöchentliches Top-5-Ranking in den Kategorien Bauch, Männerbrüste und Goder vor..
Edit: Ich muss sagen, die österreichische Zeitungswelt versumpft zusehens. Jetzt mal abgesehen von Heute und Österreich, heute hatte ich im Billa, als ich an der Kassa stand, die Freude die Schlagzeilen der Zeitungen zu betrachten. Eine davon war irgendeine Sportzeitung mit folgender Schlagzeile: "Exklusiv-Interview: Mourinho: Wie er tickt und taktikt." Entschuldige, wie bitte? Taktikt? Verdammt, welcher Halbprimat hat denn das verbrochen? Ich meine, wer weiß, vielleicht ist die ganze Zeitung ja von der dritten Leistungsgruppe der ersten Klasse einer durschnittlichen Hauptschule verfasst worden, wen dem so ist dann: Guuut gemacht Kinder. Aber wenn ein erwachsener Mensch, der sein Geld damit verdient zu schreiben allen Ernstes das Wort "taktikt" verwendet, muss ich sagen: Vielleicht haben die Zeugen Jehovas Recht und das Jüngste Gericht ist nicht mehr fern.
Und dann daneben: Krone Zeitung. Ja immer recht amüsant. Aber heute: Ein blondes Mädchen grinst, sich ein Pommes an die Zähne haltend, von der Titelseite. Darüber, in großen gelben Lettern: "Vorsicht: Industriefett in Lebensmitteln" - oder so ähnlich. Vielleicht verstehe ich den Zusammenhang jetzt völlig falsch, aber verdammt, ich fand es unglaublich lustig. Ein Kind lutscht an einem in Industriefett frittierten Stück Butter und grinst in die Kamera. Wunderbar.
Kunstloses Brot - 7. Dez, 12:34
Also ich muss sagen, die neue Airwick-Werbung ist echt seltsam. Folgende Situation: Eine Zeichentrick-Elefantenfrau auf zwei Beinen und mit Schürze findet den Geruch in ihrem Haus ganz doof. Hat ja so eine große Nase, deswegen riecht die auch besonders gut, klar. Und Airwick Crystal Air ist ihr Retter in der Not, nur einmal kurz drücken und schon ist die Luft so sauber, dass man von ihr essen könnte wenn das physikalisch möglich wäre. Seltsam genug, aber noch für Werbungs-Verhältnisse im Bereich des Normalen. Aber jetzt: Am Ende der Werbung sagt Frau Elefant sinngemäß folgendes: "Da kann jetzt sogar mein Mann seine Schuhe nach dem Sport rumstehen lassen - und der ist Tausendfüßer". Okay. Also jetzt mal völlig abgesehen von der biologischen Unmöglichkeit einer Vereinigung einer Elefantenkuh mit einem Insekt, das ungefähr ein Tausendstel ihrer Masse wiegt, wie stellen sich die Werbetreibenden das vor? Soll der arme Wurm etwa in sie hineinkriechen und dort sein sündiges Geschäft vollrichten? Und wie verdammt nochmal sähen die daraus enstehenden Kinder aus? Und mal ganz abgesehen davon, warum sollte es ein Problem sein, wenn Herr Tausendfuß seine Schuhe stehen lässt? Ich meine, ich gehe mal nicht davon aus, dass die Füße eines Tausendfüßers einen besonderen Gestank absondern, selbst wenn man sie in dicke Tennissocken und winzig kleine Winterstiefel packt. Allerdings, ausprobiert habe ich es nicht. Wer weiß, vielleicht hat die Firma Airwick ja ganz konkrete Forschungen auf diesem Gebiet betrieben und könnte mich mit ihren Ergebnissen geradezu schocken. Aber ich denke, dass der Gestank nicht von Herrn Tausendfuß, sondern vielmehr seiner Frau, Madame "Ich-Fresse-Eine-Halbe-Tonne-Obst-Pro-Tag-Und-Scheide-Dieselbe-Menge-Wieder-Aus-Um-Mich-Darin-Zu-Wälzen" stammt, sie das aber nicht wahrhaben will und deshalb die Schuld bisher (Prä-Airwick) immer ihrem armen unterdrückten Mann gegeben hat. Aber so nicht meine Damen! Auch das ist eine Form der häuslichen Gewalt und kann nicht toleriert werden! Und dann wundert sie sich noch, warum er seit zwei Jahren eine Affäre mit einem schnuckeligen Buckelwal hat! Aus dieser Verbindung ist ein Kind entstanden, welches wir heute als Heinz Christian Strache kennen. Doch niemals, niemals hat er erfahren, wer seine richtigen Eltern sind, er ist schon kurz nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben worden und ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Schon früh haben sich dort seine Erbanlagen bemerkbar gemacht, seine Mutter war im ganzen Tierreich dafür bekannt, eine nicht eindeutige Position zum Nationalsozialismus zu beziehen. Alles in allem also eine sehr sehr traurige Geschichte, aber wir, wir verachten ihn nur weil er naja, nunmal ein gottverdammter volksverhetzender Nazidrecksack ist. Wir sollten uns alle schämen.
Aber zurück zum Thema: Die Werbung hat mich voll und ganz überzeugt. Ich setze mich ab jetzt aktiv für Kreuzungsversuche von Elefanten mit Tausendfüßern ein.
Kunstloses Brot - 6. Dez, 23:24
Ich irrte eine Weile ziellos durch die Straßen dieser mir so fremd erscheinenden Stadt, auf der Suche nach einem Taxi oder einer Stelle, die ich wiedererkennen könnte. Nach einiger Zeit fand ich Schilder, die zum Bahnhof führten und folgte ihnen. Wie sich herausstellte war das doch ein recht weiter Weg. Meine Zigaretten-Versorgung neigte sich dem Ende zu, ich war erschöpft und die Kratzer auf meiner Haut begannen unangenehm zu brennen und zu jucken. Verdammte Christen-Nazis! Verdammte Dornenhecke! Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, es war schon seit einiger Zeit dunkel, ich schätzte also auf knapp halb 10. Das Viertel, das ich durchquerte, machte mir ein wenig Angst - sehr dunkel, kaum Straßenlaternen, kaum Autos. Von Zeit zu Zeit hörte ich ganz in der Nähe einen Hund bellen, jedesmal beantwortet durch ein aufheulen aller Hunde des Viertels. Ich fühlte mich verfolgt und wurde panisch - ich steigerte mein Tempo und ging bald in verzweifelten Laufschritt über. Das hielt ich nicht lange durch, bereits zwei Straßen weiter stand ich keuchend an der Straßenecke und versuchte wieder zu Atem zu kommen. Ich steckte mir meine letzte Zigarette an und fühlte mich elendig alt und ausgelaugt.
Erst jetzt bemerkte ich, dass der Bahnhof bereits in Sichtweite war. Ich versuchte mich zu beruhigen und schlenderte dann über die letzte Kreuzung und betrat den Bahnhof. Nachdem ich mich mit dem Notwendigsten versorgt hatte, versuchte ich jemanden zu finden, der mir einen Tipp geben konnte, wo man hier in Salzburg gemütlich bei guter Musik was trinken kann. Die meisten Leute die ich ansprach sahen mich nur leicht angewidert an und ignorierten meine Frage, bis ich schließlich zwei junge Mädchen, ich schätzte sie auf ungefähr zwanzig, ansprach. Sie sagten, sie wären gerade auf dem Weg zu einem recht netten Laden, sie könnten mir den Weg zeigen. Ich nahm dankend an. Wir machten uns auf den Weg und sie fragren mich, wie ich hieße, woher ich kam und was mit meiner Kleidung und meinem Gesicht passiert ist. Ich erzählte die ganze Geschichte von anfang an, verschwieg nur dezent, dass ich eine zukünftige Nonne angemacht hatte.
So verging die Zeit recht schnell und wir betraten bald das "Bricks". Obwohl nicht besonders viel los war, stand der Rauch in dichten Schwaden im ganzen Lokal. Ich und meine beiden Begleiterinnen suchten uns einen Tisch, gleich darauf kamen noch Freunde von den beiden hinzu. Ich trank viel, gab zwei drei Runden aus - kann ich mir ja alles als Spesen bezahlen lassen. Ich war herrlich betrunken und horchte den Erzählungen der um mich sitzenden. Viele hatten ihre ganz eigene Geschichte zum Thema Sekten zu erzählen - da war zum Beispiel der Typ, dessen Schwester von ihrem Mann gezwungen wurde, sich Opus Dei anzuschließen. Oder das Mädchen, das mal eine Freundin zu Loretto begleitet hatte und ganz ähnliches zu erzählen hatte wie ich es erlebt habe..scheinbar ist die Sekten-Problematik, gerade in Salzburg, stärker ausgeprägt als ich es für möglich gehalten hatte. Irgendwann wurde die ganze Gesellschaft hochphilosophisch, was im betrunkenen Zustand ja immer recht interessant ist. Es wurde von die Wahrhaftigkeit der Religion und religiöse Wahrheit gesprochen, vom Finden und Erreichen einer Wahrheit, die einem etwas fürs Leben bringt..mein Beitrag zu der Diskussion war die Anmerkung, dass der Mensch im Prinzip nicht auf der Suche nach der Wahrheit ist, sie eigentlich gar nicht erreichen will - aus Angst vielleicht dass sie ihm nicht gefällt, keine Ahnung. Er ist vielmehr auf der Suche nach immer neuen Lügen, die ihn befriedigen - kurzfristig oder längerfristig. Und eine solche längerfristige Lüge ist halt die Religion. Naja, ich war, wie gesagt, betrunken.
Der Abend neigte sich langsam dem Ende hin, die ersten waren schon auf dem Weg nach Hause und ich dachte auch langsam daran zu gehen. Alleine allerdings wollte ich nicht gehen..eines der beiden Mädchen, die mich hierher geführt hatten war schon den ganzen Abend nicht von meiner Seite gewichen, immer näher an mich heran gerückt und nun unterm Tisch ihre Hand auf meinen Oberschenkel gelegt. Sie hieß Anna, war recht klein und zierlich und hatte lange schwarze Haare und war alles in allem sehr hübsch. Da ich nicht unhöflich sein wollte, nahm ich sie natürlich mit auf mein Zimmer.
Am nächsten Morgen ließen wir uns Frühstück aufs Zimmer kommen und alberten noch ein wenig herum. "Wie alt bist du eigentlich?" fragte sie. Ich sah sie verwundert an, dachte ich doch, ihr das schon lange gesagt zu haben. "Zu jung um meine Biographie zu schreiben, zu alt um ewig jung zu bleiben sozusagen..aber hab ich dir das nicht eh schon längst gesagt?" - "Nein hast du nicht - also wie alt jetzt?" - "34." antwortete ich und fügte hinzu: "Und du? Dein Alter hast du mir ja, wenn ich mich recht erinnere, bis jetzt auch verschwiegen". "Rat doch mal!" - "Naja keine Ahnung..20? 21 vielleicht?" - "Naja..nicht ganz..ich..werde bald 17" antwortete sie. Verdammt, dachte ich, verdammt verdammt verdammt, das hat mir gerade noch gefehlt. Ich sah mich schon vor Gericht stehen wegen Verführung einer Minderjährigen. Sie aber lachte kurz auf, als sie meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah. "Ach komm, das is ja wohl echt kein Problem. Wir haben doch nur ein wenig Spaß gehabt - spricht erstens nichts dagegen, zweitens muss ja keiner davon erfahren" fügte sie beruhigend hinzu. Zur Gänze beruhigt war ich dadurch zwar nicht, aber immerhin schien sie die Situation nicht ausnutzen zu wollen. Bald darauf musste sie nach Hause und ich ging ins Hotelrestaurant um zu Mittag zu essen. Danach machte ich mich auf den Weg, kaufte mir ein neues weißes Hemd im H&M und etwas Make-Up um die größeren Kratzer in meinem Gesicht zu überschminken. Später an diesem Tag sollte ich ein Interview mit dem Sprecher der Zeugen Jehovas in Salzburg führen..war schon sehr gespannt, wie das wohl enden würde..
Fortsetzung folgt...vielleicht
Kunstloses Brot - 4. Dez, 17:39
Salzburg, Stadt Mozarts, Stadt meiner kümmerlichen und verkorksten Jugend. Lange her, dass ich sie betreten habe, aber Job ist nunmal Job. Religiöse und andere Sekten in Österreich untersuchen haben sie gesagt. Eine Reportage schreiben, selbst an Veranstaltungen teilnehmen. Und da Salzburg gewissermaßen die Keimzelle alles religiosöm in Österreich ist stand ich vor dem Hotel Mozart. Bin mit dem Taxi vom Bahnhof gekommen. Ich weiß nicht, vielleicht täusche ich mch, aber ich denke, solche Taxifahrer gibt es nur in Salzburg. Kaum saß ich im Wagen, begann er schon, mich auszufragen warum ich hier bin, wie lange ich zu bleiben gedenke und woher ich komme. Aus Wien, sagte ich, auf die anderen Fragen nicht eingehend. "Ah, a Weana oiso - hob i ma do glei docht - vom Dialekt her wissens" meinte er, nicht ohne hinzuzufügen: "Na, letzte Woch'n hom de unsrigen eire Rapidler jo gonz sche fertig gmocht, ha?" Ich starrte nur aus dem Fenster, von mir als Zeichen, dass mich das einen Scheiß interessiert gedacht, für ihn wohl ein Zeichen tiefer Trauer und Beschämung. "No, sans doch ned glei so. So schlimm is des a ned." - "Ja, da haben sie recht". Damit war er wohl zufrieden, sagte jedenfalls nichts mehr. Zumindest bis kurz bevor wir das Hotel erreichten. "No, und falls' amoi a bissl an Spaß hom woin, do drübn, do is glei des Pascha. I sog erna, die bestn Hurn von Soizburg." Nahm ich kopfnickend zur Kenntnis in dem Bewusstsein, die Fahrt gleich hinter mir zu haben.
Das Hotelzimmer war ganz nett, recht spartanisch eingerichtet zwar, aber das Bett war groß und bequem. Ich setzte mich an den Schreibtisch um meinen Aufenthalt zu planen. Am nächsten Tag sollte ich mich in so einem Pfarrheim einfinden, wo ich in einer einführenden Veranstaltung von Loretto beiwohnen sollte. Loretto ist wohl so ne Art innerkirchliche katholischer Sekte, auf Maria zentriert. Ich legte also gleich mal mein in Wien neu gekauftes weißes Hemd heraus, das ich anziehen wollte, um meinen guten Willen zu beweisen. Muss ja nicht gleich auf den ersten Blick erstichtlich sein, dass ich ein verdammter Sünder bin. Die nächsten vier Tage bis zum Ende des Wochenendes sollte ich jeden Tag einer solchen Veranstaltung, von verschiedenen Gruppen, beiwohnen. Wenigstens die Abende waren nicht verplant (da müssen die ganzen Sektenmenschen dann wohl schon schlafen). Aber wie ich die Abende nutzen soll, darübe rwar ich mir nicht im klaren. Ich befand mich schließlich in Salzburg, was könnte man da schon großartig machen. Draußen wurde es dunkel. Ohne müde zu sein ging ich ins Bett und schlief irgendwann ein.
Am nächsten Morgen wachte ich sehr früh auf und ging frühstücken und spazieren, danach aß ich zu Mittag und ging auf mein Zimmer. Ich zog mich um (Weißes Hemd, Anzughose, glänzende Schühchen), kämmte mich gründlichst. Nachdem ich gut zehn Minuten lang belustigt und ein wenig erschrocken mein Spiegelbild angestarrt hatte, machte ich mich auf den Weg - mit dem Bus, in ein salzburger Taxi bringt mich so schnell keiner mehr. Als ich beim Pfarrheim ankam sah ich schon zahlreiche Christenvisagen die mir ein strahlendes "Jesus-liebt-dich"-Lächeln entgegenschleuderten. Fast wollte ich schon die Flucht ergreifen, als ich sie sah: eine junge Frau, groß, schlank, blond. Ihre Brüste zeichneten sich deutlich unter ihrer Bluse ab. Ich fragte mich, ob sie ein Mitglied dieser..Vereinigung war und beschloss, dem auf den Grund zu gehen. Und vielleicht für meinen Artikel zu recherchieren. Wenn dazu noch Zeit bleibt. Ich bekam leider noch keine Gelegenheit, sie anzusprechen, denn in diesem Moment rief der Anführer der Lorettos seine Schäfchen nach drinnen. Ich trat als letzter in den Raum, der mit gut dreißig Leuten recht gut gefüllt war. Hinter mir wurden die Türen geschlossen und, zu meinem Erstaunen und Entsetzen, auch verriegelt. Sessel standen in dem Raum, in einem Kreis aufgestellt. Ich setzte mich und beobachtete die Leute um mich. Jede Altersgruppe war vertreten, allerdings waren für mich erstaunlich viele junge Menschen darunter - gut die Hälfte war wohl unter zwanzig. Das blonde Mädchen ging zu allen Anwesenden und bat sie, sich zu setzen. Dann begann der Anführer, ein gewisser Bruder Paul, eine stark einstudiert wirkende Rede oder Predigt von sich zu geben. Diese zog sich über etliche Viertelstunden hin. Ich nutzte die Zeit und versuchte, mit dem Mädchen Blickkontakt herzustellen, leider ohne Erfolg. Sie hing dem Typen an den Lippen und nickte in unregelmäßigen Abständen, ließ sich sogar ab und an zu einem zustimmenden "Amen!" hinreißen. Doch noch gab ich nicht auf. Nachdem der Prediger fertig war wurden Liederzettel ausgeteilt. Jeder sollte mitsingen, irgendjemand begleitete das ganze auf der Gitarre. Ich sah mir das ganze mit zunehmender Belustigung, die ich unter einem ernsten Gesichtsausdruck zu verbergen versuchte, an, sang aber nicht selbst mit - das kann ja nun wirklich niemand von mir verlangen. Nach gut halbstündigen Singern und gemeinsamen Beten war "Pause" - wir wurden für einige Zeit entlassen, es standen Brote, Kuchen und Getränke - leider weder Alkohol noch Kaffee - bereit. Als ich gerade meinen Almdudler trinkend an einem Tisch stand, schwebte das blonde Mädchen an mich heran. "Geht es ihnen denn nicht gut? Ich habe gesehen, dass sie während wir gesungen und gebetet haben die ganze Zeit sehr traurig waren. Wollen sie sich mir oder Bruder Paul nicht anvertrauen?" Ihr anvertrauen also, aha aha. "Ja wissen sie, vielen Dank, aber ich glaube sie können mir da nicht wirklich helfen" sagte ich und versuchte traurig, und nicht auf ihre Brüste zu schauen - was mir bei Gott nicht leichtfiel. Ich erzählte ihr schließlich irgendwas, das ich meinen Job verloren habe und schrecklich einsam bin und so verlogene Scheiße eben. Sie tröstete mich, indem sich mich in den Arm nahm. Ich spürte ihre großen Brüste an meinem Körper und drückte sie gegen mich. Ich war unglaublich geil und es fiel mir schwer, auch weiterhin traurig auszusehen. Ich fragte sie schließlich, ob sie denn jemanden hätte. "Ja, ich habe Jesus und Maria, die können ihnen mit Sicherheit auch helfen!" sagte sie. Ein Lachen unterdrückend erwiderte ich "Nein, einen Mann an ihrer Seite, einen nicht sphärisch-ätherischen meine ich." Sie war darauf etwas eingeschnappt und sagte nein, denn sie habe vor nächstes Jahr ins Kloster zu gehen. Ich stand nur da mit offenem Mund und stammelte vor mich hin, sie ging aber weg, denn die Veranstaltung neigte sich dem großen Finale zu: Übermannsgroße Marienbildnisse wurden im Raum aufgestellt und mit Spots beleuchtet. Das restliche Licht wurde gedimmt. Auf Befehl ihres Anführers hin knieten sich die Lorettos dann vor eines der Bildnisse und schrien ekstatisch und wie besessen auf, liefen dann von Bildnis zu Bildnis und warfen sich vor jedem auf den Boden, küssten ihn, küssten das Bild und hörten nicht auf herumzuwuseln wie Maden in einer verwesenden Ratte. Das Grauen das ich empfand war unbeschreiblich - voller Ekel wendete ich mich ab, versteckte mich in der dunkelsten Ecke des Raumes und wartete, bis es zu Ende war.
Danach wurde das Licht wieder aufgedreht und alle setzten sich nochmal kurz hin. Alle waren völlig verschwitzt und trugen einen selig-doof-naiven Gesichtsausdruck spazieren. Bruder Paul verabschiedete sich von allen und wünschte ihnen eine schöne Woche, auf das sie sich wiedersehen, Gott gehe mit euch, blabla. Draußen sprach ich das Mädchen nochmals an, fragte sie ganz direkt: "Soll das heißen, dass sie in ihrem ganzen Leben keinen Sex haben wollen?" - "Ja, so ist es", antwortete sie, "Jesus soll der einzige Mann in meinem Leben sein. Gott will es so." Ich brabbelte, halb nur zu mir, aber doch laut genug, dass sie es hören konnte, dass das doch das reinste Verbrechen wäre, einen so wunderbaren Körper der Menschheit vorzuenthalten. Sie sah mich angewidert an, ging zu einigen ihrer..Ordensgenossen oder wie auch immer man das nennen soll. Die Vibrations wurden langsam ungemütlich - ich beschloss sehr schnell zu verschwinden. Einen Sprung durch eine stachelige Hecke und einen Sprint über gut zweihundert Meter später hatte ich sie abgehängt. Ich zündete mir keuchend eine Zigarette an, schlenderte mit zerschlissenem Hemd und zerkratztem Gesicht durch die dunklen Straßen dieser Stadt und überlegte, was ich mit dem angebrochenen Abend noch anstellen wollte...
Fortsetzung folgt...wahrscheinlich
Kunstloses Brot - 30. Nov, 13:54