Der Blaue Himmel
Welch schöner Tag! Ein Himmel, so blau und kalt wie ihn nur ein Wintermorgen zustande bringen könnte begrüßte mich heute. Die tief stehende Sonne machte mich blinzeln, zuwenig Kraft, um meinen Körper zu erwärmen und doch so stark, dass mich das Licht in tiefster Seele zu berühren vermochte. Es sind Tage wie diese, die Wien so wunderbar und unwiderstehlich schön erscheinen lassen, die es mir ermöglichen, all den Schmerz und das Leid, das mir aus den Gesichtern der mich umgebenden Menschen entgegenschreit zu ignorieren und die selbst die Schreie in meinem Inneren besänftigen. Die schönen alten Gebäude, alle in ein sonderbar kaltes Licht getaucht lassen mich an andere Zeiten denken, verleiten mich, an ein längst vergangenes Österreich zu denken. So fern mir romantisierende und idealisierende Überlegungen auch fern sind, so kann ich nicht umhin, mir eine Stadt ohne Automobile und ohne Leuchtreklamen als schön vorzustellen. Damals, damals war es vielleicht möglich, durch die Straßen zu gehen, unbekümmert von allem um sich, sich nur auf die architektonische Schönheit der Gebäude zu konzenrieren, sich vom Wetter berühren zu lassen. Und in solchen Situationen, so meine ich, wäre es wohl nicht undenkbar, wenn einem der eine oder andere Vers in den Sinn kommt, vielleicht gar ein Gedicht. Doch heute zu dichten, das ist schwer. Zumindest das Dichten, dass es sich zum Ziel genommen hat, das Schöne darzustellen, erscheint mir kaum mehr möglich. Immer schwingt ein gewisser ablehnender Grundton mit, sei es nun gegen die Gesellschaft im allgemeinen oder einzelne Gruppen. So war es mir heute unmöglich, meine Gedanken angesichts des strahlend blauen, aber winterlich kalten Himmel in Versform zu bringen, ohne abermals irgendetwas Menschliches, irgendwelche Probleme zu erwähnen - Was das Gedicht beschmutzt hätte, wodurch es der überwältigenden Schönheit und Erhabenheit der Natur nicht mehr gerecht hätte werden können. Auch daran lässt sich, wie an so vielen DIngen, der langsame aber stetige Zerfall unserer Zivilisation erkennen, alles zerbricht, alles zerfällt, wird fragmentiert, alles stirbt langsam vor sich hin, sei es nun die Kunst, die Sprache oder schlicht und einfach jeder einzelne Mensch...
bleah, whatever.
bleah, whatever.
Kunstloses Brot - 11. Dez, 19:21


