Sonntag, 8. April 2007

Spiritualität

Ich habe nie viel über Spiritualität nachgedacht, was viele verwundern würde, wenn sie über mein bisheriges Leben Bescheid wüssten. Meine Mutter war ein höchst spiritueller Mensch – so hätte sie sich selbst bezeichnet, ich finde den Begriff „Verdammter New-Age-Hippie“ sehr viel passender – und ließ kaum eine Gelegenheit aus, auch andere Menschen für ihre Vorstellung der Lebensführung zu gewinnen. Mir war es egal, immerhin musste ich sonntags nicht, wie die meisten anderen Kinder meines Alters, in die Kirche gehen. Lediglich der Traumfänger, der seit ich denken kann über meinem Bett hing und den meine Mutter mir abzuhängen verboten hatte ging mir gehörig auf die Nerven. Er hing immer über mir, wie ein Mahnmal übertriebener mütterlicher Fürsorge, die mich sogar noch im Schlafe beschützen wollte – eine Fürsorge, die ich im frühkindlichen Alter vielleicht genoss, die ich aber mit zunehmenden Alter immer stärker als einengend empfand.
Und dann war da natürlich noch die Sache mit der Homöopathie, in welche meine Mutter, wie so viele Menschen die sich als „spirituell“ bezeichnen, größte Hoffnungen setzte. Nun, das ganze war halb so schlimm – hatten wir mal Fieber, bekamen wir kein Aspirin, sondern von Cherokee-Indianern in Zusammenarbeit mit südostasiatischen Schamanen hergestellte Tabletten, jede so groß wie Texas und mindestens ebenso schrecklich: groß, trocken, das Aussehen eines trockenen Stücks Scheiße und der Geschmack eines trockenen Stücks zusammengepresster Erde (was, wie ich später erfahren sollte, tatsächlich auch die Hauptzutat dieser Tabletten darstellte). Genützt haben sie nichts, höchstens das Immunsystem gestärkt – aber das tut Scheiße essen auch und das fand meine Mutter, im Gegensatz zu manchen anderen „spirituellen“ Menschen auch wieder nicht gut. Aber geschadet haben sie wenigstens auch nicht. Das scheint überhaupt der Grundsatz der Homöopathie zu sein: Es nützt vielleicht nichts, aber vielleicht, wenn man ganz ganz fest dran glaubt doch – und wenn nicht: Hey! Immerhin schadet es auch nicht!
Was allerdings dann doch etwas problematisch war, war der Glaube meiner Mutter an Wunderheiler. Meine Mutter wuchs in einer höchst christlichen Familie auf und war lange Zeit auch selbst sehr gläubig – bis sie schließlich sehr jung schwanger wurde, mit ihrem damaligen Freund zusammenzog und sich völlig von ihrer Familie abkapselte – sie hat sie seitdem nie mehr gesehen. Ich habe meine Großeltern nie kennen gelernt. Worüber ich, nach allem, was mir erzählt wurde, auch sehr dankbar bin.
Nun, meine Mutter lehnte seit dem Zeitpunkt ihres Bruchs mit ihren Eltern das Christentum und insbesondere den Katholizismus kategorisch ab, ja entwickelte einen regelrechten Hass auf alles, was irgendwie mit der Bibel, dem Papst und der Kirche in Verbindung stand. Eines allerdings schien sich nicht verändert zu haben: Ihr Glaube und ihre Verehrung von Togen tragenden bärtigen Männern, die von sich behaupten, über übermenschliche und übersinnliche Kräfte zu verfügen. Nur hieß dieser nun nicht mehr Jesus sondern „Dr. Jeffrey“. Dr. Jeffrey, der übrigens ebenso sehr Doktor war ich Spezialist für besonders saugfähige Erwachsenenwindeln bin, wurde von meiner Mutter mit der Aufgabe betraut, meinen Vater, der im Alter von 36 Jahren an Lungenkrebs erkrankte, zu heilen.
Mein Vater liebte seine Frau, und versuchte, ihre Begeisterung für Spiritualität und Homöopathie zu teilen, was ihm allerdings niemals wirklich gelang. Er schien meiner Mutter allerdings in dieser schwierigen, ja lebensgefährlichen Situation in hohem Maße hörig zu sein, nie hörte ich ein Wort des Zweifels aus seinem Mund, ganz egal wie viele Schlammbäder, Sonnenbestrahlungen und Kristalltherapien er ohne jeglichen sichtbaren Erfolg hinter sich brachte. Er starb schließlich im Alter von 37 Jahren, eineinhalb Jahre nach dem Bekannt werden seiner Krankheit, völlig nackt mit dem Rücken auf einem wärmenden Stein liegend, über und über mit mythischen Runen und Schriftzeichen und weiß der Himmel was nicht allem bemalt.
Meine Mutter war sichtlich getroffen von seinem Tod, kam aber keine Sekunde auf die Idee, dass es vielleicht doch keine so schlechte Idee gewesen wäre, ihn der ihr so verhassten kapitalistisch-imperialistischen westlichen Medizin anzuvertrauen. Ganz im Gegenteil: Zwei Monate nach dem Tod meines Vaters heiratete sie wieder: Den netten Dr. Jeffrey, der so viel für ihren geliebten Mann getan hat und der ihr in dieser schwierigen Zeit so einfühlsam und mitfühlend zur Seite stand. Ganz plötzlich fühlte ich mich mit meinen damals 17 Jahren alt genug, auf eigenen Beinen zu stehen und zog aus.

...tbc

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Neo-Gonzo'esque Seltsamkeiten und andere Absurditäten

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