Spiritualität II.
Ich zog zu einer Freundin, ihr Name war Lisa. Sie war damals gerade 19 geworden und studierte Theologie. Seltsam eigentlich, ich habe sie nie nach dem Grund dafür gefragt. Ich war schrecklich in sie verliebt und genoss jeden Augenblick, den ich mit ihr verbringen durfte, sog jedes Wort, das sie sprach auf. Für mich war sie damals viel mehr als nur meine Freundin, sie war mein Lehrmeister und Psychologe. Vieles von dem, was sie zu sagen hatte, verstand ich damals kaum oder nur teilweise – es war mir egal. Sie erzählte mir vom Christentum, von der Bibel, von Jesus, von der Allmächtigkeit des Herrn – und schließlich davon, warum sie das alles ablehnte. Erst spät realisierte ich, dass diese von mir so geliebte Frau haargenau dieselben Ansichten vertrat wie meine Mutter das getan hat – nur wusste sie diese auch zu argumentieren.
Nun, ich wohnte über drei Jahre zusammen mit Lisa in ihrer kleinen Anderthalb-Zimmer-Wohnung, wobei ich sie im letzten Jahr kaum mehr zu Gesicht bekam. Ständig war sie unterwegs, fuhr mit ihren Kollegen zu Yoga-Ausflügen, organisierte Veranstaltungen, nahm an Briefings und Meetings teil und hielt diese zum Teil auch selbst ab – sie ging völlig in ihrer Funktion als Mitarbeiterin ihrer verdammten Sekte auf. Nun, das es sich bei der „Neuen Akropolis“, wie der Name dieser Vereinigung lautete, um eine Sekte handelte, davon erfuhr ich erst später. Oftmals drängte sie mich dazu, doch einmal einem der Treffen beizuwohnen. Es handele sich um „philosophische Diskussionsrunden“ mit „Praxisbezogenheit und Bodenständigkeit“. Bei diesen Worten hätten eigentlich bereits erste Alarmglocken erklingen sollen – ich war allerdings durch meine Liebe zu ihr verblendet und folgte ihr. Mein erstes Zusammentreffen mit der „Neuen Akropolis“ sollte aber zugleich auch das letzte Mal sein. Das Treffen fing recht harmlos an, Menschen aller Altersgruppen setzten sich in einem recht warmen und stickigen Altbau-Keller auf unbequeme, kreisförmig angeordnete Holzstühle, sprachen ungezwungen miteinander, scherzten, bedienten sich bei dem zueimlich kärglichen Buffet-Tischchen – aber sobald der Vortragende in die Mitte des Kreises ans Podium trat, wurde es totenstill, alle Augen waren erwartungsvoll auf den Mittvierziger in der langen weißen Kutte gerichtet. Und als er, nach einer kurzen, bedeutungsvollen Pause, zu sprechen begann, ganz ruhig, jedoch mit starker, fester Stimme, hingen sie an seinen Lippen, sogen begierig seine Worte in sich, starrten ihn mit offener Heldenverehrung an. Und als ich dann hören musste, was es war, dass diese Menschen hier um mich fast zu Tränen rührte und wozu sie willenlos mit dem Kopf nickten, war ich mehr als nur geschockt: Der Gruppenleiter, so sein Titel, sprach von den Übeln der Zivilisation, von der Verderbtheit der Menschen angesichts der zunehmenden Technifizierung, vom Gräuel des Fortschritts, von der Notwendigkeit, ein großes Heer aufzustellen und vom einzigen Weg, den drohenden Untergang der Menschlichkeit abzuwenden – was dieser Weg sein sollte, das weiß ich bis heute nicht. Ich verließ das Treffen vorzeitig und zog wenige Tage danach aus.
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Nun, ich wohnte über drei Jahre zusammen mit Lisa in ihrer kleinen Anderthalb-Zimmer-Wohnung, wobei ich sie im letzten Jahr kaum mehr zu Gesicht bekam. Ständig war sie unterwegs, fuhr mit ihren Kollegen zu Yoga-Ausflügen, organisierte Veranstaltungen, nahm an Briefings und Meetings teil und hielt diese zum Teil auch selbst ab – sie ging völlig in ihrer Funktion als Mitarbeiterin ihrer verdammten Sekte auf. Nun, das es sich bei der „Neuen Akropolis“, wie der Name dieser Vereinigung lautete, um eine Sekte handelte, davon erfuhr ich erst später. Oftmals drängte sie mich dazu, doch einmal einem der Treffen beizuwohnen. Es handele sich um „philosophische Diskussionsrunden“ mit „Praxisbezogenheit und Bodenständigkeit“. Bei diesen Worten hätten eigentlich bereits erste Alarmglocken erklingen sollen – ich war allerdings durch meine Liebe zu ihr verblendet und folgte ihr. Mein erstes Zusammentreffen mit der „Neuen Akropolis“ sollte aber zugleich auch das letzte Mal sein. Das Treffen fing recht harmlos an, Menschen aller Altersgruppen setzten sich in einem recht warmen und stickigen Altbau-Keller auf unbequeme, kreisförmig angeordnete Holzstühle, sprachen ungezwungen miteinander, scherzten, bedienten sich bei dem zueimlich kärglichen Buffet-Tischchen – aber sobald der Vortragende in die Mitte des Kreises ans Podium trat, wurde es totenstill, alle Augen waren erwartungsvoll auf den Mittvierziger in der langen weißen Kutte gerichtet. Und als er, nach einer kurzen, bedeutungsvollen Pause, zu sprechen begann, ganz ruhig, jedoch mit starker, fester Stimme, hingen sie an seinen Lippen, sogen begierig seine Worte in sich, starrten ihn mit offener Heldenverehrung an. Und als ich dann hören musste, was es war, dass diese Menschen hier um mich fast zu Tränen rührte und wozu sie willenlos mit dem Kopf nickten, war ich mehr als nur geschockt: Der Gruppenleiter, so sein Titel, sprach von den Übeln der Zivilisation, von der Verderbtheit der Menschen angesichts der zunehmenden Technifizierung, vom Gräuel des Fortschritts, von der Notwendigkeit, ein großes Heer aufzustellen und vom einzigen Weg, den drohenden Untergang der Menschlichkeit abzuwenden – was dieser Weg sein sollte, das weiß ich bis heute nicht. Ich verließ das Treffen vorzeitig und zog wenige Tage danach aus.
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Kunstloses Brot - 9. Apr, 00:24


