Donnerstag, 21. Dezember 2006

Prisoner of my own

Sam schlug die Augen auf. Einen kurzen Moment hatte er noch in seligem Halbschlaf verbracht, jetzt war er wach, und mit dem Schlaf entschwand auch alles Gute wieder aus seinem Leben. Er erinnerte sich wieder, erinnerte sich daran, wer er war, wo er war, was er getan hatte. Dies waren die Momente, in denen er hoffte, einfach wieder einzuschlafen und nie mehr zu erwachen. Doch nein, ein solch einfaches Schicksal schien ihm nicht beschienen zu sein.
"Aufstehen ihr kleinen Bastarde" hörte er ihn schreien. Er sprang sofort auf, richtete sein Bett ordentlich, stürmte zum Spiegel und kämmte sich. Dies war hier sein allmorgendliches Ritual - Eines der Dinge, die er auf die harte Tour hatte lernen müssen. Aber irgendetwas in ihm strebte danach, es nicht zu tun. Etwas in ihm war der Überzeugung, er hätte jede Bestrafung verdient und noch viel mehr.
Er stand nun stramm vor der schweren Stahltür, wartete darauf, den kleinen Schlitz in ihr sich öffnen zu sehen. Gleich war es soweit, er war schon bei der Nachbarzelle. Jetzt. Für einen kurzen Augenblick sah Sam seine kalten stahlblauen Augen ihn anblitzen. Oh wie er diese Augen zu hassen gelernt hatte. Eine der wenigen Dinge, die ihn von seinem Leben und seinen Schuldgefühlen ablenkten waren seine Tagträume, die sich meistens darum drehten, diese schrecklichen, schrecklichen Augen, die ihn nun anblickten, herauszureißen.
Diese Augen..sie schienen bis in die tiefsten Abgründe seiner Seele zu blicken, schienen sich nicht damit aufzuhalten, in seinen Augen zu lesen, nein, es war als läsen etwas, das auf der Innenseite seines Hinterkopfes geschrieben war. Er fühlte sich völlig nackt, wenn ihn diese Augen ansahen, fühlte sich ihnen ganz und gar ausgeliefert. Endlich, nach einigen wenigen Augenblicken, die sich in Sams Empfinden zu halben Ewigkeiten ausdehnten, verschwanden die Augen wieder, die Klappe wurde geschlossen.
Er hieß Baker, soviel wusste Sam. Er kannte nur seine Augen, seine schrecklichen Augen, mehr hatte er nie von ihm zu sehen bekommen. Baker..nie konnte er diesen Namen vergessen.
"Lass gut sein Baker, ich glaube der Kleine hat genug.". Baker..nichtmal in seinen Träumen war er vor ihm sicher. Fast jede Nacht wachte er auf, mit rasendem Herzen und Tränen in den Augen und konnte oft stundenlang nicht mehr schlafen.
Die untere Klappe öffnete sich, sein Frühstück wurde hereingeschoben. Oh ja, dachte Sam, Frühstück, wertvollste Mahlzeit des Tages und blickte auf den undefinierbaren Proteinbrei hinab, den er, wie jeden Morgen, vorgesetzt bekam. Er schaffte es schon recht gut, die visuellen Eindrücke abzuschalten. Er war immer jemand gewesen, der beim Essen viel wert auf das Aussehen legte, was es ihm in den ersten Tagen unmöglich machte, diese schlammige Masse hinunterzuwürgen. Doch blieb immer noch der Geschmack, der in ihm noch immer einen starken Kotzreiz hervorrief. Eigentlich schmeckte der Brei nach nicht viel, hätte man Sam allerdings nach dem Geschmack gefragt, er hätte Hunderte Nuancen des Ekelhaften beschreiben können.
Seit etwas über einem Jahr saß er nun schon hier ein, in Einzelhaft, völlig einsam und von allen verlassen, nie kam jemand um ihn zu besuchen. Sechs weitere hatte er noch vor sich. Sechs verdammte Jahre! Sam hatte sich am Anfang noch gesagt, dass er sich sicher daran gewöhnen und dass die Zeit dann schneller vergehen würde - doch nein, sie schien nur immer langsamer vorüberzugehen, jeder Tag, den er in seiner Zelle verbrachte, zog sich hin, wollte nicht und nicht vergehen.
Nur einmal täglich durfte er seine Zelle verlassen, zum Mittagessen und zu anschließenden "Verdauungsspaziergang". Wie jeden Tag freute er sich zwar auf die kurze Zeit, in denen er etwas anderes tun konnte als ständig die gleichen vier Wände anzustarren und seinen dunklen Gedanken nachzuhängen. Aber er wusste wohl, dass er, wie jeden Tag, danach wieder froh sein würde, zurück zu sein, zurück in seiner Zelle. Dies lag einerseits daran, dass er von seinen Mithäftlingen, die er nur in diesen anderthalb Stunden zu Gesicht bekam, argwöhnisch beäugt wurde - er war sowas wie eine Berühmtheit hier, Sam McCombs, der Junge der sieben Jahre in Einzelhaft zu verbringen hat. Andererseits lag es an der..speziellen Auffassung, die die Wärter von dem Wort "Verdauungsspaziergang" hatten.
PochPochPoch - Sam wurde aus seinen Gedanken gerissen. So spät schon? Er sprang auf, stellte sich zur Tür, antwortete mit einem Klopfen an die Klappe. Die Klappe öffnete sich. Sam steckte seine Hände hindurch, und spürte, wie sich der kalte Stahl um seine Handgelenke schloss. Er trat zurück, die Tür öffnete sich und mit vorgehaltener Elektroschock-Pistole wurde er aus der Zelle und bis in den Essenssaal geführt. Dort wurde er, wie jeden Tag, an einen eigenen Tisch geführt und mit den Beinen an die Bank gekettet. Er beobachtete die anderen Häftlinge, sah Jungen jeder Altersgruppe. Manche waren ungefähr in seinem Alter, schätzte er, aber andere sahen aus, als wären sie im Jugendgefängnis etwas fehl am Platze. Er beobachtete sie, wie sie sich am Buffet anstellten, scherzten und lachten.
Kurz darauf wurde ihm sein Essen vorgesetzt. Derselbe Proteinbrei wie am Morgen, allerdings gabs dazu diesmal eine Suppe. Die Suppe war versalzen und schmeckte nach nicht viel mehr als gesalzenes öliges Wasser, aber für Sam war es trotzdem das Beste, was er seit langem gegessen hatte. Er löffelte sie schnell und gierig, schlang sogar den Brei - so gut es eben ging - runter. Er wusste, dass er die Kraft brauchen würde, denn es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie zu "Verdauungsspaziergang" gerufen wurden..

..whatever

Just because you're paranoid, don't mean they're not after you

Neo-Gonzo'esque Seltsamkeiten und andere Absurditäten

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