Mittwoch, 11. April 2007

Spiritualität III.

Ich habe zu Beginn gesagt, dass ich nie viel über Spiritualität nachgedacht habe. Nun, das stimmt so nicht ganz: Ich habe bis vor kurzem nicht viel über Spiritualität nachgedacht. Wie es dazu kam, dass dieses mir vorher so gleichgültige Thema auf einmal an Bedeutung gewann? Auf die herkömmliche Art und Weise: Ich hatte Probleme, gesundheitlicher Art. Knapp zwei Monate, nachdem ich Lisa verlassen hatte, wurde ich in der Nacht in betrunkenem Zustand von einem Wagen erfasst: Unfall mit Fahrerflucht. Der Täter ist bis heute nicht gefunden und ich lag mit komplizierten Arm- und Beinbrüchen sowie einer starken Gehirnerschütterung und Hautabschürfungen am ganzen Körper im Krankenhaus. Ich konnte von Glück sagen, dass meine inneren Organe keinen Schaden davongetragen hatten, allerdings äußerte der Arzt mir gegenüber die Vermutung, dass es notwendig sein könnte, mein linkes Bein zu amputieren. Ich geriet in Panik und begann zu schreien und zu toben. Man musste mir starke Beruhigungsmittel spritzen. Und in diesem schrecklichen Moment, kurz bevor ich einschlief, schon halb im Delirium, einem Delirium des Schmerzes, der Angst und der Verzweiflung fand ich in mir etwas, dass ich nie zu finden erwartet hätte: Glaube, und die damit verbundene irrationale Hoffnung darauf, dass irgendwie schon alles gut wird. Ich wurde ganz ruhig, konzentrierte mich auf diesen kleinen Funken in mir, versuchte ihn zu stärken – und es gelang mir schließlich, die dunklen Tiefen der Verzweiflung zu erleuchten. Später sagte man mir, dass ich mit einem geradezu seligen Lächeln auf den Lippen eingeschlafen war.

Nun, mein Bein konnte schließlich gerettet werden, heute ist es mir wieder möglich, ohne jegliche Hilfsmittel zu laufen. Der kleine Funke jedoch, den ich in dieser dunklen Stunde entdeckt habe, den habe ich nicht wieder verloren. Der Gottesglaube, auf dem diese Hoffnung fußte, ist mir, wie den meisten Leuten, denen es gut geht, wieder verloren gegangen – und das ist auch gut so. Ich bete heute so wenig wie ich zuvor gebetet habe, besuche die niemals die Kirche, Pfaffen und frömmelnde Kirchgänger sind mir noch immer hochgradig suspekt. Und doch ist es schön zu wissen, dass dieser Funke irgendwo in mir ist und stärker werden kann, wenn ich ihn brauche. Man könnte meinen Glauben als opportunistisch bezeichnen, ich würde dem wohl zustimmen müssen – und es wäre mir egal. Denn was zählt ist letztendlich nur, dass man halbwegs glücklich durchs Leben zu gehen vermag. Und wenn ein wenig schizophrener Glaube einem dabei helfen kann, schwierige Zeiten zu überstehen, dann soll mir das nur recht sein.


...und nicht vergessen, Regel Numero Uno in der Literaturwissenschaft: Autor =/= Erzähler - oh, und nciht das Handtuch vergessen

Montag, 9. April 2007

Spiritualität II.

Ich zog zu einer Freundin, ihr Name war Lisa. Sie war damals gerade 19 geworden und studierte Theologie. Seltsam eigentlich, ich habe sie nie nach dem Grund dafür gefragt. Ich war schrecklich in sie verliebt und genoss jeden Augenblick, den ich mit ihr verbringen durfte, sog jedes Wort, das sie sprach auf. Für mich war sie damals viel mehr als nur meine Freundin, sie war mein Lehrmeister und Psychologe. Vieles von dem, was sie zu sagen hatte, verstand ich damals kaum oder nur teilweise – es war mir egal. Sie erzählte mir vom Christentum, von der Bibel, von Jesus, von der Allmächtigkeit des Herrn – und schließlich davon, warum sie das alles ablehnte. Erst spät realisierte ich, dass diese von mir so geliebte Frau haargenau dieselben Ansichten vertrat wie meine Mutter das getan hat – nur wusste sie diese auch zu argumentieren.
Nun, ich wohnte über drei Jahre zusammen mit Lisa in ihrer kleinen Anderthalb-Zimmer-Wohnung, wobei ich sie im letzten Jahr kaum mehr zu Gesicht bekam. Ständig war sie unterwegs, fuhr mit ihren Kollegen zu Yoga-Ausflügen, organisierte Veranstaltungen, nahm an Briefings und Meetings teil und hielt diese zum Teil auch selbst ab – sie ging völlig in ihrer Funktion als Mitarbeiterin ihrer verdammten Sekte auf. Nun, das es sich bei der „Neuen Akropolis“, wie der Name dieser Vereinigung lautete, um eine Sekte handelte, davon erfuhr ich erst später. Oftmals drängte sie mich dazu, doch einmal einem der Treffen beizuwohnen. Es handele sich um „philosophische Diskussionsrunden“ mit „Praxisbezogenheit und Bodenständigkeit“. Bei diesen Worten hätten eigentlich bereits erste Alarmglocken erklingen sollen – ich war allerdings durch meine Liebe zu ihr verblendet und folgte ihr. Mein erstes Zusammentreffen mit der „Neuen Akropolis“ sollte aber zugleich auch das letzte Mal sein. Das Treffen fing recht harmlos an, Menschen aller Altersgruppen setzten sich in einem recht warmen und stickigen Altbau-Keller auf unbequeme, kreisförmig angeordnete Holzstühle, sprachen ungezwungen miteinander, scherzten, bedienten sich bei dem zueimlich kärglichen Buffet-Tischchen – aber sobald der Vortragende in die Mitte des Kreises ans Podium trat, wurde es totenstill, alle Augen waren erwartungsvoll auf den Mittvierziger in der langen weißen Kutte gerichtet. Und als er, nach einer kurzen, bedeutungsvollen Pause, zu sprechen begann, ganz ruhig, jedoch mit starker, fester Stimme, hingen sie an seinen Lippen, sogen begierig seine Worte in sich, starrten ihn mit offener Heldenverehrung an. Und als ich dann hören musste, was es war, dass diese Menschen hier um mich fast zu Tränen rührte und wozu sie willenlos mit dem Kopf nickten, war ich mehr als nur geschockt: Der Gruppenleiter, so sein Titel, sprach von den Übeln der Zivilisation, von der Verderbtheit der Menschen angesichts der zunehmenden Technifizierung, vom Gräuel des Fortschritts, von der Notwendigkeit, ein großes Heer aufzustellen und vom einzigen Weg, den drohenden Untergang der Menschlichkeit abzuwenden – was dieser Weg sein sollte, das weiß ich bis heute nicht. Ich verließ das Treffen vorzeitig und zog wenige Tage danach aus.

...tbc

Sonntag, 8. April 2007

Spiritualität

Ich habe nie viel über Spiritualität nachgedacht, was viele verwundern würde, wenn sie über mein bisheriges Leben Bescheid wüssten. Meine Mutter war ein höchst spiritueller Mensch – so hätte sie sich selbst bezeichnet, ich finde den Begriff „Verdammter New-Age-Hippie“ sehr viel passender – und ließ kaum eine Gelegenheit aus, auch andere Menschen für ihre Vorstellung der Lebensführung zu gewinnen. Mir war es egal, immerhin musste ich sonntags nicht, wie die meisten anderen Kinder meines Alters, in die Kirche gehen. Lediglich der Traumfänger, der seit ich denken kann über meinem Bett hing und den meine Mutter mir abzuhängen verboten hatte ging mir gehörig auf die Nerven. Er hing immer über mir, wie ein Mahnmal übertriebener mütterlicher Fürsorge, die mich sogar noch im Schlafe beschützen wollte – eine Fürsorge, die ich im frühkindlichen Alter vielleicht genoss, die ich aber mit zunehmenden Alter immer stärker als einengend empfand.
Und dann war da natürlich noch die Sache mit der Homöopathie, in welche meine Mutter, wie so viele Menschen die sich als „spirituell“ bezeichnen, größte Hoffnungen setzte. Nun, das ganze war halb so schlimm – hatten wir mal Fieber, bekamen wir kein Aspirin, sondern von Cherokee-Indianern in Zusammenarbeit mit südostasiatischen Schamanen hergestellte Tabletten, jede so groß wie Texas und mindestens ebenso schrecklich: groß, trocken, das Aussehen eines trockenen Stücks Scheiße und der Geschmack eines trockenen Stücks zusammengepresster Erde (was, wie ich später erfahren sollte, tatsächlich auch die Hauptzutat dieser Tabletten darstellte). Genützt haben sie nichts, höchstens das Immunsystem gestärkt – aber das tut Scheiße essen auch und das fand meine Mutter, im Gegensatz zu manchen anderen „spirituellen“ Menschen auch wieder nicht gut. Aber geschadet haben sie wenigstens auch nicht. Das scheint überhaupt der Grundsatz der Homöopathie zu sein: Es nützt vielleicht nichts, aber vielleicht, wenn man ganz ganz fest dran glaubt doch – und wenn nicht: Hey! Immerhin schadet es auch nicht!
Was allerdings dann doch etwas problematisch war, war der Glaube meiner Mutter an Wunderheiler. Meine Mutter wuchs in einer höchst christlichen Familie auf und war lange Zeit auch selbst sehr gläubig – bis sie schließlich sehr jung schwanger wurde, mit ihrem damaligen Freund zusammenzog und sich völlig von ihrer Familie abkapselte – sie hat sie seitdem nie mehr gesehen. Ich habe meine Großeltern nie kennen gelernt. Worüber ich, nach allem, was mir erzählt wurde, auch sehr dankbar bin.
Nun, meine Mutter lehnte seit dem Zeitpunkt ihres Bruchs mit ihren Eltern das Christentum und insbesondere den Katholizismus kategorisch ab, ja entwickelte einen regelrechten Hass auf alles, was irgendwie mit der Bibel, dem Papst und der Kirche in Verbindung stand. Eines allerdings schien sich nicht verändert zu haben: Ihr Glaube und ihre Verehrung von Togen tragenden bärtigen Männern, die von sich behaupten, über übermenschliche und übersinnliche Kräfte zu verfügen. Nur hieß dieser nun nicht mehr Jesus sondern „Dr. Jeffrey“. Dr. Jeffrey, der übrigens ebenso sehr Doktor war ich Spezialist für besonders saugfähige Erwachsenenwindeln bin, wurde von meiner Mutter mit der Aufgabe betraut, meinen Vater, der im Alter von 36 Jahren an Lungenkrebs erkrankte, zu heilen.
Mein Vater liebte seine Frau, und versuchte, ihre Begeisterung für Spiritualität und Homöopathie zu teilen, was ihm allerdings niemals wirklich gelang. Er schien meiner Mutter allerdings in dieser schwierigen, ja lebensgefährlichen Situation in hohem Maße hörig zu sein, nie hörte ich ein Wort des Zweifels aus seinem Mund, ganz egal wie viele Schlammbäder, Sonnenbestrahlungen und Kristalltherapien er ohne jeglichen sichtbaren Erfolg hinter sich brachte. Er starb schließlich im Alter von 37 Jahren, eineinhalb Jahre nach dem Bekannt werden seiner Krankheit, völlig nackt mit dem Rücken auf einem wärmenden Stein liegend, über und über mit mythischen Runen und Schriftzeichen und weiß der Himmel was nicht allem bemalt.
Meine Mutter war sichtlich getroffen von seinem Tod, kam aber keine Sekunde auf die Idee, dass es vielleicht doch keine so schlechte Idee gewesen wäre, ihn der ihr so verhassten kapitalistisch-imperialistischen westlichen Medizin anzuvertrauen. Ganz im Gegenteil: Zwei Monate nach dem Tod meines Vaters heiratete sie wieder: Den netten Dr. Jeffrey, der so viel für ihren geliebten Mann getan hat und der ihr in dieser schwierigen Zeit so einfühlsam und mitfühlend zur Seite stand. Ganz plötzlich fühlte ich mich mit meinen damals 17 Jahren alt genug, auf eigenen Beinen zu stehen und zog aus.

...tbc

Donnerstag, 29. März 2007

Freitod

Schon seltsam, im England des Mittelalters und der Renaissance wurden Menschen, die beim Versuch, in den Freitod zu gehen gescheitert sind, vor ein Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. In Frankreich war der Selbstmord nur einige Jahre später gesellschaftlich akzeptiert, es war Ärzten sogar erlaubt, Lebensmüden bestimmte Gifte zu verschreiben. In Marseille soll es gar einen Nach-Hause-Service für diese Gifte gegeben haben. Zwei so unterschiedliche Herangehensweisen, eine völlig gegensätzliche Moral und doch: dasselbe Ergebnis. Erstaunlich.

Dienstag, 20. März 2007

Ekel

Manchmal, wenn ich so durch die Straßen gehe oder in den U-Bahnen dieser Stadt sitze, da überkommt mich wie aus dem nichts ein überwältigender Ekel vor allem menschlichen, vor allen Dingen vor den Menschen selbst.
Knochige Kinder die sich gegenseitig lautstark bedrohen. Fette Kinder mit einem Gehabe wie die Himmelskönigin persönlich. Orange Frauen ohne Augenbrauen. Weiße Frauen mit nur einer höchst buschigen Augenbraue. Grässliche alte Frauen, die sich von ihrem Friseur einreden lassen haben, dass sie mit lila gefärbten Stirnfransen hip und flippig oder vielleicht sogar trendy aussehen. Hässliche alte Männer die nicht die Finger von ihrem Gemächt lassen können.
Widerlich. Aber vielleicht bin ich ja der einzige, dem es so geht. Ich habe mich schon damit abgefunden, seltsam zu sein, vielleicht muss ich mich jetzt auch damit abfinden, endgültig zum Misanthropen geworden zu sein. Nun, vielleicht liegts aber auch nicht an mir, sondern an den anderen. Ja, das muss es sein.
Ich stelle jeden Tag aufs Neue fest, dass irgendwas in meinem Gehirn ein wenig fehlerhaft verkabelt zu sein scheint.
Zum Beispiel heute, ich spaziere ein wenig herum, des Einkaufens wegen, und komme an Reklametafeln vorbei. Juhuu, denk ich mir (oder vielleicht auch nicht..sogar ziemlich wahrscheinlich nicht - ich glaube nicht dass schon irgendjemand irgendwann mal "Juhuu" gedacht hat. Geschweigedenn gesagt. Oder gerufen. Allein der Gedank lässt mich erschaudern.), Plakate die ich noch nicht kenne, die sind wohl neu. Ich hielt also auf dem Gehsteig inne und sogleich springt mir ein kleiner Junge ins Geischt (bildlich gesprochen natürlich - allein der Gedanke..ihr wisst schon).
Der kleine Junge jedenfalls befindet sich in einer auf-jemanden-zulaufenden Haltung, also mit auseinandergestreckten Armen, wie man es immer in Filmen sieht. Auf grünen Wiesen, bevor sich die Liebenden endlich in die Arme fallen. Der Junge aber steht (oder läuft) am Strand, und neben ihm steht ihn großen schwarzen Lettern: ürkei. Ürkei? Aha, muss wohl der Name des Jungen sein, denke ich, während ich meinen Weg zum Billa fortsetze.
Ist es eigentlich zuviel verlangt, wenn ich beim Obst und Gemüse im Supermarkt meines Vertrauens (wohl eher Supermarkt meines Misstrauens! Haha! Ha.) nicht unbedingt bereits schimmelnde und sich in eine undefinierbare faulige Masse verwandelnde Zitronen und/oder Zwiebeln sehen will? Ich nehme an ja.
Nun, bereits auf dem Weg zu eben erwähntem Supermarkt machte ich mir Gedanken über das zuvor gesehene - und frage mich langsam, warum auf dem Plakat ein grässlicher kleiner Junge Namens Ürkei abgebildet war. Doch die Lösung war nur einen Gedankenspung entfernt: Es muss sich wohl um einen dieser schrecklichen Kidnerstars handeln, so wie Heintje, Little DJ Ötzi oder Mozart (...und er rotiert im Grab).
Little DJ Ötzi war übrigens vor einiger Zeit mal bei Tausche Familie (ähähäh...ich musste mir das ansehen..fürs Studium!). Nun, vielleicht verwende ich den Ausdruck in letzter Zeit etwas zu häufig, vielleicht verkommt er zur verharmlosend-euphemistischen Platitüde, aber dieser Little DJ Ötzi und sein durch und durch geisteskranker Vater verdienen es, sich diesen schon stark überstrapazierten Stempel von mir aufdrücken zu lassen: Nicht Lebensfähig.
Doch zurück zu Ürkei. Den gabs nämlich dann gar nicht. Also das Plakat schon, und der Junge war beim zurückgehen immer noch drauf, aber hieß nicht Ürkei. Vermutlich. Ganz sicher kann man sich da natürlich auch nicht sein, wäre eigentlich ein ganz hübscher Name. Klingt wie Kai, was allerdings ein grässlicher Name ist. Nun, langer Rede kurzer Sinn, Ürkei hieß eigenlich Türkei und ist auch kein Junge, sondern eine Tourismuswerbung. Oder so. Und der Junge mit den gespreizten Vorderextremitäten sollte wohl das T darstellen.
Immer diese verdammten Werbetexter mit ihren verschlüsselten Botschaften, wer soll denn da noch den Durchblick bewahren? Und überhaupt, Werbung für die Türkei in unserem schönen Österreicherland? Wenn das mal kein Fall ist den HC-Män und seine Crew! Apropros Werbetexter, wie wäre es mit: "Wenn dir nicht mehr zu helfen ist - SOS Abendland". Ich warte auch schon auf die ersten Schmierereien von Strache-Symphatisanten: "Nikolo 4 Life Oida".
...Nun, das ist wohl alles etwas aus dem Ruder gelaufen. Aber naja...whatever.

..whatever

Just because you're paranoid, don't mean they're not after you

Neo-Gonzo'esque Seltsamkeiten und andere Absurditäten

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