Das ist Leben eben
Immer schwerer kann ich des Eindrucks mich erwehren, tiefgreifenden seelischen Veränderungen zum Opfer gefallen zu sein. Ohne einen Zeitpunkt des Bruchs auch nur bruchstückhaft rekonstruieren zu können, scheine ich all den Glauben an Dinge, die mir früher als unsagbar wichtig galten verloren zu haben, abgelöst von einem nicht minder naiven, aber unspezifischeren „Es-wird-schon-alles-gut“, gewürzt mit einer gehörigen Portion Zynismus.
Wie diese Veränderung mir selbst so lange verborgen blieb ist mir heute gänzlich unbegreiflich, erscheint mir diese nun doch so unübersehbar, ja offensichtlich – als hätte ich die alte Schale Stück für Stück abgestreift, lange unbewusst, unbemerkt und erst als diese endgültig fiel, fiel auch der sprichwörtliche Groschen. Nicht wie der Einsiedlerkrebs aber, der sich, sollte er zu für sein altes Haus übergroßen Dimensionen anwachsen, ein neues Haus sucht, eher wie die Haut, die unablässig schuppt und abgestorbene Zellen abwirft, für uns gänzlich unbeobachtbar – einzig das Ergebnis, die ständig neue, nur scheinbar immer gleiche Haut, ist für uns zu erfassen. Oder eigentlich eher wie ein übergewichtiger Mensch, der abnimmt (oder immer dicker wird) und seine Fortschritte nicht täglich an der Waage abmisst, sondern es erst bemerkt, wenn er plötzlich eine andere Kleidergröße benötigt.
Nun, sei es wie es sei, was ich damit sagen will: Die Phrase „Nur eine Phase“, der wohl für die meisten Jugendliche verhassteste Satz, von den Eltern oft mantraartig wiederholt, in der naiven Hoffnung, er möge seine schreckliche Macht dadurch besser entfalten – dieser Spruch, er erscheint mir nun doch recht vernünftig und überdies höchst realitätsnah.
Doch genug der frustrierend-pseudophilosophischen Gedanken, kommen wir zurück zu unserem eigentlichen Hauptthema: Vietnamesische Maultrommeln. Meiner Ahnungslosigkeit was das denn sein könnte zum Trotze, wie ich finde ein sehr schönes Thema. Besonders schön aber, wenn ein Geschäft einen Zettel ins Schaufenster hängt: „Endlich wieder erhältlich: Vietnamesische Maultrommeln!!!!!“. Da stellt sich mir die beinah obligate Frage nach dem Warum, woraus man vermutlich eine nette Geschichte über einen nach Maultrommeln abhängigen Menschen (vermutlich männlich, nicht nur der Identifikation halber, auch aus Gründen des Realismus – Männer sind für solch seltsame Süchte einfach anfälliger), der Tag für Tag in diesen, und vermutlich auch jeden anderen Ethno-Laden der Stadt stürmt und leicht nuschelnd, aber immer in höchst drängendem Tonfall ruft: „Gina!!! – Die Ethno-Laden-Verkäuferin sollte Gina heißen, um Assoziationen zum Porno-Business zu wecken, welchem sie auch angehörte, was natürlich erst gegen Ende klar wird. Ist immer wichtig, dem Leser bereits zu Beginn den metaphorischen Knochen hinzuwerfen, damit dieser sich dann gegen Ende hin für seine gute Auffassungsgabe selbst beglückwünschen und sich auf die Schulter klopfen undin Internet-Foren angeben kann oder was weiß ich. Natürlich sollte der Hinweis nicht allzu subtiler Natur sein, eher schon von zaunpfahlhafter Qualität sein, denn die meisten Leser sind erfahrungsgemäß ziemlich begriffsstutzig, um nicht zu sagen doof. Deshalb also: „Gina!!! Sind meine verdammten vietnamesischen Maultrommeln endlich gekommen!?“ – „Nein tut mir leid Herr Strunzenblop (auch wichtig, seines Namens wegen war er oft Opfer von Hänseleien, was einer der Gründe für seine Obsession sein könnte), ich habe ihnen doch gesagt, ich rufe sie an, sobald sie da sind!“
Irgendwann sind die Dinger dann wohl doch geliefert worden, direkt aus Vietnam, aus den Knochen von gefallenen US-Soldaten von Sweatshop-Kinder geschnitzt. Herr Strunzenblop war naturgemäß überglücklich, nahm ein paar mit nach Hause und versrpach, die hundertsiebzig weiteren, die diese Monatslieferung enthielt, später abzuholen. Herr Strunzenblop hatte mit den Ethno-Laden-Inhabern ausgemacht, dass er im Monat ca. 180 Stück braucht, weshalb diese einen Vertrag mit besagten Sweatshop abgeschlossen hatten – auf fünf Jahre beiderseits gebunden - jedes Monat 180 Vietnamesische Maultrommeln geliefert zu bekommen – sie erahnen schon, wo das hinführen muss. Herr Strunzenblop ist ganz euphorisch und aufgrund seiner Aufregung und des für ihn völlig ungewohnten Designs der Maultrommeln, führt er sich diese in die falsche Öffnung ein und verblutet allein am kalten Parkett seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Gina und ihre lesbische Chefin Ludmilla, ein ehemaliger Ringer-Star, sehen sich nun mit dem Problem konfrontiert, große Mengen von Maultrommeln verkaufen zu müssen oder Konkurs anzumelden, darum jetzt dieser Zetteln im Schaufenster. Ein höchst kläglicher Versuch, zugegeben, aber die beiden waren nicht besonders helle und haben es zudem versäumt, einen Lehrkurs für Werbung zu besuchen. Letzten Endes bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den Laden zu schließen. Die beiden gehen zurück in ihre alten Berufe – hier nun der Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopf-Moment für die besonders aufmerksamen – allerdings mit mäßigem Erfolg. Schließlich heiraten die beiden, zuerst sich gegenseitig, danach jeweils einen Mann – die eine aus Liebe, die andere aus steuerlichen Gründen, genauer gesagt der neu erlassenen Vergnügens- und Luxussteuern auf Homosexualität wegen. Ich verrate jetzt nicht, welche von den beiden aus welchem Grunde, aber ich verspreche ihnen: Sie werden überrascht sein.
..Aber da der Versuch, eine derartig gesellschaftlich brisante, ja weltverbesserlich-subversive Geschichte zu schreiben aufgrund der harschen Zensur und nicht zuletzt wegen der Quanten zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist, lasse ich es lieber sein. Ist vermutlich besser so.
Wie diese Veränderung mir selbst so lange verborgen blieb ist mir heute gänzlich unbegreiflich, erscheint mir diese nun doch so unübersehbar, ja offensichtlich – als hätte ich die alte Schale Stück für Stück abgestreift, lange unbewusst, unbemerkt und erst als diese endgültig fiel, fiel auch der sprichwörtliche Groschen. Nicht wie der Einsiedlerkrebs aber, der sich, sollte er zu für sein altes Haus übergroßen Dimensionen anwachsen, ein neues Haus sucht, eher wie die Haut, die unablässig schuppt und abgestorbene Zellen abwirft, für uns gänzlich unbeobachtbar – einzig das Ergebnis, die ständig neue, nur scheinbar immer gleiche Haut, ist für uns zu erfassen. Oder eigentlich eher wie ein übergewichtiger Mensch, der abnimmt (oder immer dicker wird) und seine Fortschritte nicht täglich an der Waage abmisst, sondern es erst bemerkt, wenn er plötzlich eine andere Kleidergröße benötigt.
Nun, sei es wie es sei, was ich damit sagen will: Die Phrase „Nur eine Phase“, der wohl für die meisten Jugendliche verhassteste Satz, von den Eltern oft mantraartig wiederholt, in der naiven Hoffnung, er möge seine schreckliche Macht dadurch besser entfalten – dieser Spruch, er erscheint mir nun doch recht vernünftig und überdies höchst realitätsnah.
Doch genug der frustrierend-pseudophilosophischen Gedanken, kommen wir zurück zu unserem eigentlichen Hauptthema: Vietnamesische Maultrommeln. Meiner Ahnungslosigkeit was das denn sein könnte zum Trotze, wie ich finde ein sehr schönes Thema. Besonders schön aber, wenn ein Geschäft einen Zettel ins Schaufenster hängt: „Endlich wieder erhältlich: Vietnamesische Maultrommeln!!!!!“. Da stellt sich mir die beinah obligate Frage nach dem Warum, woraus man vermutlich eine nette Geschichte über einen nach Maultrommeln abhängigen Menschen (vermutlich männlich, nicht nur der Identifikation halber, auch aus Gründen des Realismus – Männer sind für solch seltsame Süchte einfach anfälliger), der Tag für Tag in diesen, und vermutlich auch jeden anderen Ethno-Laden der Stadt stürmt und leicht nuschelnd, aber immer in höchst drängendem Tonfall ruft: „Gina!!! – Die Ethno-Laden-Verkäuferin sollte Gina heißen, um Assoziationen zum Porno-Business zu wecken, welchem sie auch angehörte, was natürlich erst gegen Ende klar wird. Ist immer wichtig, dem Leser bereits zu Beginn den metaphorischen Knochen hinzuwerfen, damit dieser sich dann gegen Ende hin für seine gute Auffassungsgabe selbst beglückwünschen und sich auf die Schulter klopfen undin Internet-Foren angeben kann oder was weiß ich. Natürlich sollte der Hinweis nicht allzu subtiler Natur sein, eher schon von zaunpfahlhafter Qualität sein, denn die meisten Leser sind erfahrungsgemäß ziemlich begriffsstutzig, um nicht zu sagen doof. Deshalb also: „Gina!!! Sind meine verdammten vietnamesischen Maultrommeln endlich gekommen!?“ – „Nein tut mir leid Herr Strunzenblop (auch wichtig, seines Namens wegen war er oft Opfer von Hänseleien, was einer der Gründe für seine Obsession sein könnte), ich habe ihnen doch gesagt, ich rufe sie an, sobald sie da sind!“
Irgendwann sind die Dinger dann wohl doch geliefert worden, direkt aus Vietnam, aus den Knochen von gefallenen US-Soldaten von Sweatshop-Kinder geschnitzt. Herr Strunzenblop war naturgemäß überglücklich, nahm ein paar mit nach Hause und versrpach, die hundertsiebzig weiteren, die diese Monatslieferung enthielt, später abzuholen. Herr Strunzenblop hatte mit den Ethno-Laden-Inhabern ausgemacht, dass er im Monat ca. 180 Stück braucht, weshalb diese einen Vertrag mit besagten Sweatshop abgeschlossen hatten – auf fünf Jahre beiderseits gebunden - jedes Monat 180 Vietnamesische Maultrommeln geliefert zu bekommen – sie erahnen schon, wo das hinführen muss. Herr Strunzenblop ist ganz euphorisch und aufgrund seiner Aufregung und des für ihn völlig ungewohnten Designs der Maultrommeln, führt er sich diese in die falsche Öffnung ein und verblutet allein am kalten Parkett seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Gina und ihre lesbische Chefin Ludmilla, ein ehemaliger Ringer-Star, sehen sich nun mit dem Problem konfrontiert, große Mengen von Maultrommeln verkaufen zu müssen oder Konkurs anzumelden, darum jetzt dieser Zetteln im Schaufenster. Ein höchst kläglicher Versuch, zugegeben, aber die beiden waren nicht besonders helle und haben es zudem versäumt, einen Lehrkurs für Werbung zu besuchen. Letzten Endes bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den Laden zu schließen. Die beiden gehen zurück in ihre alten Berufe – hier nun der Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopf-Moment für die besonders aufmerksamen – allerdings mit mäßigem Erfolg. Schließlich heiraten die beiden, zuerst sich gegenseitig, danach jeweils einen Mann – die eine aus Liebe, die andere aus steuerlichen Gründen, genauer gesagt der neu erlassenen Vergnügens- und Luxussteuern auf Homosexualität wegen. Ich verrate jetzt nicht, welche von den beiden aus welchem Grunde, aber ich verspreche ihnen: Sie werden überrascht sein.
..Aber da der Versuch, eine derartig gesellschaftlich brisante, ja weltverbesserlich-subversive Geschichte zu schreiben aufgrund der harschen Zensur und nicht zuletzt wegen der Quanten zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist, lasse ich es lieber sein. Ist vermutlich besser so.
Kunstloses Brot - 12. Okt, 14:18


